JULIUS KLINGER|8 MIN. LESEZEIT

Die Geschichten hinter den Werken von Julius Klinger

Fünf Werbeplakate, fünf ganz verschiedene Auftraggeber: ein Witzblatt, der Berliner Zoo, eine Theaterausstellung und Zigarettenpapier, das in ganz Wien verkauft wurde.

TEXT MORYARTY

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Werbeplakat von Julius Klinger für Tabu-Zigarettenpapier und Filter, 1919.
Julius Klinger, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Julius Klinger wurde 1876 in Dornbach bei Wien geboren und zog 1897 mit etwa 21 Jahren nach Berlin. Ab 1900 arbeitete er für Hollerbaum & Schmidt, eine Druckerei und Werbeagentur, die den Weg zum modernen Plakatdesign mit ebnete. Mit seinen Entwürfen für die Firma wurde Klinger bekannt, und die Zusammenarbeit verschaffte ihm internationales Ansehen.

Alle fünf Arbeiten entstanden in seiner Zeit als Werbegrafiker, und jede sollte etwas anderes bewerben. Das erste Plakat warb 1901 für ein Berliner Witzblatt. Ein weiteres bewarb 1910 die Firma, für die er arbeitete, ein drittes lud in den Zoologischen Garten und zu Auftritten der dortigen Militärkapelle ein. Ein viertes kündigte eine Theaterausstellung in den Ausstellungshallen am Zoo an. Das fünfte gehörte 1919 zu einer Zigarettenpapier-Kampagne in ganz Wien. Für drei der Plakate nennen Museumsunterlagen dieselbe Berliner Druckerei.

Wie viele Plakatentwürfe für „Das kleine Witzblatt“ sind bekannt?

„Das kleine Witzblatt“ war eine Berliner Humorzeitschrift. Um 1901, in den ersten Jahren seiner Zusammenarbeit mit Berliner Druckereien, entwarf Klinger ein Werbeplakat dafür.

„Das kleine Witzblatt“

Die Kunstbibliothek in Berlin verzeichnet eine Lithografie mit diesem Titel, die Hollerbaum & Schmidt in Orangerot und Schwarz druckten. Der Eintrag zeigt, welche Rolle die Druckerei bei Klingers frühen Berliner Werbearbeiten spielte.

Hinter einem Titel stand nicht zwangsläufig nur ein Motiv. Das Museum Poster House in New York zeigte in seiner Retrospektive „Posters for a Modern Age“ mindestens zwei unterschiedliche Entwürfe von Klinger für die Zeitschrift, beide um 1901 datiert. Auf dem einen zwickt ein riesiger roter Krebs einen rotgesichtigen Richter in die Nase. Das andere zeigt einen großen Mann mit Zylinder und weißem Stock. Dieser Entwurf ist die Vorlage für die Reproduktion, die wir heute anbieten. Hinter einem einzigen Titel standen also mindestens zwei verschiedene Entwürfe. Erhaltene Blätter mit demselben Namen zeigen nicht unbedingt dasselbe Bild.

Die Blätter befinden sich heute in verschiedenen Sammlungen. Die Kunstbibliothek in Berlin besitzt ein Blatt mit diesem Titel, und die Albertina in Wien verzeichnet einen weiteren Druck unter demselben Titel, ebenfalls hergestellt von Hollerbaum & Schmidt in Berlin. Der Wiener Eintrag datiert ihn auf etwa 1901, die Zuschreibung an Klinger ist jedoch nicht gesichert. Wenn Sie in verschiedenen Sammlungen zwei Plakate für „Das kleine Witzblatt“ entdecken, könnten es zwei Fassungen desselben Auftrags sein statt zwei Exemplare eines einzigen Motivs.

Wie warb Hollerbaum & Schmidt für die eigenen Plakate?

1910 gestaltete Klinger ein Werbeplakat für die Firma, bei der er angestellt war. Hollerbaum & Schmidt druckten seine Arbeiten seit seinen ersten Berliner Jahren. Nun wurde die Firma selbst zum Gegenstand eines Plakats. Dieses Werbeplakat für seinen Arbeitgeber kehrt die übliche Rollenverteilung um: Das Plakat wirbt für die Menschen, die Plakate drucken.

Hollerbaum und Schmidt

Erich Gumprecht hatte die Firma 1897 in Berlin gegründet. Bis 1910 war sie einer der Orte geworden, an denen sich das moderne Plakatdesign entwickelte. Neben Klinger arbeiteten dort weitere führende Gestalter: Lucian Bernhard, Ernst Deutsch, Julius Gipkens und Paul Scheurich.

Klinger war dort in Vollzeit angestellt, fand aber auch Zeit für andere Arbeiten. Er zeichnete für Zeitschriften, schrieb Bücher über Ornament und Gestaltung und gab Privatunterricht.

Nach seiner Auffassung diente Gebrauchsgrafik den Zielen und Botschaften ihrer Auftraggeber, während in der freien Kunst der eigene Ausdruck im Vordergrund stand. Nach diesem Maßstab war das Plakat Gebrauchsgrafik, denn der Auftraggeber war die Firma, die ihm sein Gehalt zahlte.

Ein Exemplar gehört zur Mitchell Wolfson, Jr. Collection im Museum The Wolfsonian-FIU in Miami Beach. Dort war es in einer Retrospektive zum Werk von Julius Klinger zu sehen, die vom 6. Oktober 2017 bis zum 1. April 2018 lief. Die Ausstellung zeigte auch seine Plakate für „Lustige Blätter“, Tabu und RAVAG.

Wofür warb das Plakat „Zoologischer Garten“ noch?

Der Flamingo warb nicht nur für den Zoo. Das Plakat machte auf den Zoologischen Garten in Berlin aufmerksam und neben den Tieren auch auf eine Militärkapelle, die dort auftrat. Dieses Plakat für den Berliner Zoo lud damit gleich doppelt ein: zum Zoobesuch und dazu, sich dort die Kapelle anzuhören.

„Zoologischer Garten“

Tiere zählten zu Klingers Lieblingsmotiven in der Werbung. Diesen Flamingo konnten die Besucher im Zoo tatsächlich sehen. Auf dem Plakat steht er aufrecht in der Mitte, mit rosafarbenen Akzenten und Schrift im Jugendstil ringsum.

Das Museum datiert das Plakat auf 1910 und verzeichnet es als Farblithografie, die Hollerbaum & Schmidt in Berlin druckten. Dieselbe Druckerei, für die Klinger in jenem Jahr ein Werbeplakat gestaltet hatte, druckte auch dieses.

Ein Original befindet sich im Victoria and Albert Museum in South Kensington und kann dort im Prints & Drawings Study Room zur Einsicht bestellt werden. Der Museumseintrag verrät ein kleines Detail: Die Militärkapelle spielte täglich. Wer sie hören wollte, konnte den Zoobesuch entsprechend planen.

Welche Ausstellung kündigte das Plakat „Theaterausstellung in den Ausstellungshallen am Zoo“ an?

Die Kunstbibliothek in Berlin verzeichnet eine Lithografie von Klinger aus dem Jahr 1911, die für eine Theaterausstellung in den Ausstellungshallen am Zoo warb. Als Veranstalter nennt der Eintrag die Ausstellungshallen selbst, als Druckerei Hollerbaum & Schmidt. Bei diesem Plakat für eine Theaterausstellung war also der Veranstaltungsort der Auftraggeber, und für den Druck war die bewährte Druckerei zuständig.

Theaterausstellung am Zoo

Kostümierte Figuren und Tiere, oft mit Witz gezeichnet, tauchen auf seinen Plakaten für Theater, Ausstellungen und Produkte immer wieder auf. Dieses Plakat zeigt eine hochgewachsene, dunkle Figur, von breiten roten und schwarzen Streifen umhüllt, das Gesicht im Profil. Es lud zu einer Ausstellung über das Theater ein, nicht zu einer einzelnen Aufführung.

Eine große Deutsche Theaterausstellung fand dort von November 1910 bis Januar 1911 statt. Für einen Zusammenhang mit diesem Plakat gibt es keinen Beleg. Veranstalter waren die Ausstellungshallen GmbH und die Gesellschaft für Theatergeschichte. Die Schau beschränkte sich auf deutschsprachiges Theater und verband eine Fachausstellung mit einem wissenschaftlichen Teil zur Theatergeschichte.

Die große Schau knüpfte an eine Wiener Vorgängerveranstaltung von 1892 an. Die Berliner Kritiker nahmen sie überwiegend schlecht auf. Vor allem störten sie sich an den vielen Schriftstücken im historischen Teil.

Heute befindet sich die Lithografie in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. Ihre Sammlung umfasst rund 3.600 Originalplakate aus den Jahren 1840 bis 1914. Das Theaterplakat gehört zu den rund 220 Plakaten und Plakatentwürfen von Klinger in dieser Sammlung.

Wie erreichte die Tabu-Werbung ganz Wien?

Das auf 1919 datierte Tabu-Plakat, das wir reproduzieren, warb für Zigarettenpapier der Marke Tabu. Die dazugehörige Kampagne hatte ein Jahr zuvor begonnen und war in ganz Wien zu sehen. Nach Jahren mit Berliner Auftraggebern arbeitete Klinger nun für eine Marke, die in einer ganzen Stadt wiedererkannt werden sollte.

Tabu

Klinger plante für Tabu eine einheitliche Strategie, von kleinen Zeitungsanzeigen bis zu großen Plakatflächen. Der Name Tabu begegnete den Menschen beim Lesen ebenso wie auf der Straße.

Auch bemalte Brandmauern, Bauzäune und die Winterverschalungen der Wiener Brunnen dienten als Werbeflächen für die Kampagne.

In einem Text über eines der Tabu-Plakate von 1919 hob The Wolfsonian-FIU hervor, wie wichtig Klingers Linienführung für die visuelle Identität des Zigarettenpapierherstellers war. Auch das strenge, maskenartige Gesicht und die wuchtigen Buchstaben auf unserem Plakat sind von dieser scharfkantigen Linienführung geprägt.

Das Museum besitzt zwei unterschiedliche Tabu-Plakate von 1919 und zeigte eine Tabu-Arbeit in seiner Klinger-Retrospektive 2017/18.

Schon gewusst?

  • Auf einem Plakat für Hollerbaum & Schmidt stellte Klinger sich selbst und die anderen Gestalter der Firma als Kakteen dar.
  • Seine Mappe „Poster Art in Vienna“ enthielt vierzig Entwürfe, viele davon von seinen Schülern.
  • Er träumte von Amerika und hoffte, die Mappe würde ihn dorthin bringen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das Land noch nie besucht.
  • Ein Tabu-Plakat erschien später in der Mappe „Poster Art in Vienna“, die Julius Wisotzki um 1923 in Chicago veröffentlichte.
  • Weil er Jude war, verfolgten ihn die Nationalsozialisten. 1942 wurde er in das Vernichtungslager bei Minsk deportiert.

Häufige Fragen zu Klinger

Hat Klinger in Wien eine Ausbildung gemacht? Ja. Julius Klinger wurde am 22. Mai 1876 in Dornbach bei Wien geboren und studierte am Technologischen Gewerbemuseum in Wien. Seine erste Anstellung fand er 1895 bei der Wiener Modezeitschrift „Wiener Mode“. Dort lernte er Koloman Moser kennen, der später sein Lehrer wurde.

Womit beschäftigte sich Klinger außer mit Plakaten? Ab 1911 unterrichtete er Gestaltung an der Berliner Reimann-Schule.

Erreichten seine Arbeiten auch Amerika? Über die Mappe „Poster Art in Vienna“ sollten sie ein amerikanisches Publikum erreichen. Obwohl eine gleichzeitige Veröffentlichung in Wien und Chicago angekündigt war, wurde die Mappe tatsächlich vollständig in Österreich konzipiert, gestaltet und hergestellt.

Was war Tabu eigentlich? Tabu war eine Marke für Zigarettenpapier. Eines der Tabu-Plakate von 1919 im Museum The Wolfsonian-FIU trägt die Aufschrift „Tabu Antinicotin“.


Über den Autor

MORYARTY findet Vintage-Poster in Bibliotheken, Museen, Online-Sammlungen, Privatsammlungen und auf Märkten. Jedes Werk wird von Hand restauriert, ohne die ursprüngliche Gestaltung oder die Farben zu verändern. MORYARTY wurde 2015 gegründet und hat heute mehr als 2.000 Vintage-Poster in der Sammlung. Unsere Reproduktionen drucken wir in unserer Werkstatt in Barcelona auf Fine-Art-Papier in Museumsqualität mit archivfesten Pigmenttinten.

Quellen

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