Über den Künstler
Die gedrehten Körper in diesem Stich lassen die Figurenstudien von Jacopo Palma the Younger aus nächster Nähe betrachten. In Venedig malte Palma religiöse Szenen und erhielt Aufträge für den Dogenpalast. Dort erzählten menschliche Gesten auf weit größeren Flächen ganze Geschichten. Das Zeichnen des Körpers bildete die Grundlage dieser Arbeit und war nicht bloß eine Vorübung. Palma starb 1628; die Veröffentlichung der Tafel im Jahr 1636 erfolgte also posthum. Das Blatt zeigt sein Interesse an der menschlichen Figur in kleinerem Maßstab, fern der monumentalen Räume, mit denen seine venezianische Malerei verbunden ist.
Das Kunstwerk
Wer eine überzeugende Figur frei entwerfen wollte, lernte zunächst an Vorbildern wie denen in How to draw human bodies. Der Stich von 1636 ist als Tafel 17 des Zeichenlehrbuchs Rules for learning to draw human bodies verzeichnet. Er diente dem Unterricht, statt eine eigenständige Geschichte zu erzählen. Putti, die aus der antiken Kunst und der Renaissance vertrauten Kinderfiguren, boten den Lernenden Gelegenheit, die Anatomie zu studieren. Das Blatt aus einem Zeichenlehrbuch dokumentiert eine künstlerische Ausbildung, die auf der Betrachtung bewährter Vorbilder beruhte. Seine historische Bedeutung liegt in dieser Verbindung von Beobachtung und freiem Entwurf.
Stil und Merkmale
Helle Körper drängen sich auf dem Blatt, ihre runden Bäuche treten aus dicht schraffierten Schatten hervor. Oben führen kopfüber dargestellte Köpfe und angewinkelte Beine den Blick durch ein Gewirr sich überlagernder Figuren. Weiter unten folgt auf stehende Kinder eine liegende Gestalt am unteren Rand. Feine Stichlinien folgen den Rundungen der Gliedmaßen, während dunklere Kreuzschraffuren die Figuren voneinander abheben. Der cremefarbene Grund mildert den Kontrast zwischen schwarzer Druckfarbe und unbedrucktem Papier. In dieser klassischen Figurenstudie wandert der Blick immer wieder von einer einzelnen Geste zu den umliegenden Körpern: Er verfolgt eine Hand, bevor er den zugehörigen Arm findet.
In der Raumgestaltung
Über einem schmalen Nussbaumschreibtisch im Arbeitszimmer würde dieses vertikale Poster eine Verbindung zum aufgeschlagenen Skizzenbuch darunter herstellen. Ein schmaler dunkler Rahmen würde die gestochenen Schatten aufgreifen, ohne mit den Figuren zu konkurrieren. Vor hellem Putz ließe sich das Blatt vom Schreibtischstuhl aus betrachten; seine kleinen Gesten blieben gut erkennbar. So wird die Betrachtung von Kunst zum Teil des Arbeitsplatzes, statt die Einrichtung als gesonderte Aufgabe zu behandeln. Das Poster verbindet historische Zeichenpraxis mit dem Alltag und lädt zwischen den Seiten zum Innehalten ein.
